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Der Tyrann und die Grausame

Die jüngsten Konflikte in Syrien und der Ukraine haben die Anfälligkeit leichter TPz und MTW für unterschiedliche Gefahren hervorgehoben. Das kommt nicht überraschend und ist eine Lektion, die Besatzungen israelischer TPz sowohl im Jom-Kippur-Krieg von 1973, als auch im Libanonkrieg von 1982 auf die harte Tour lernen mussten. Die hohen Verluste führten damals neben anderen Faktoren zur Entwicklung der ersten, auf dem Centurion basierenden schweren MTW, die wir in in unserem vorangegangenen Artikel beschrieben haben.

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Achzarit Heavy MTW

Die Centurions sind jedoch nicht die einzigen Fahrzeuge gewesen, die als Chassis für die schwere MTW-Klasse dienten. Ein weiteres Ausgangsmodell hatte seine Wurzeln in der Sowjetunion.

Tiran

Nach dem siegreichen Sechstagekrieg von 1967 fand man sich in Israel mit hunderten eroberten Panzerfahrzeugen der besiegten arabischen Armeen wieder, darunter eine große Anzahl von T-54 und T-55. Diese Fahrzeuge wurden modifiziert und unter der Bezeichnung Tiran in den israelischen Dienst gestellt (der Name bezog sich übrigens auch auf eroberte T-62). Israelischen Quellen zufolge wurde der Name aus drei Gründen gewählt:

  • Das hebräische Wort Tiran bedeutet Tyrann, bzw. Diktator, was angesichts des Herkunft der Panzer als Anspielung auf Josef Stalin verstanden werden kann
  • Die Blockade der Straße von Tiran ist die erste Kriegshandlung Ägyptens vor Beginn des Sechstagekrieges gewesen
  • Der erste Buchstabe der Originalbezeichnung und des Wortes Tiran ist das T

Die Verwendung eroberter Ausrüstung hatte ihre Vorteile - Tiran-Panzer wurden erfolgreich während der Operation Raviv (als Teil des sog. Ermüdungskriegs) eingesetzt, wo sie es fertig brachten, die ägyptischen Truppen völlig zu überraschen, die sie für alliierte Panzer hielten. Das führte zu massiven Verlusten auf ägyptischer Seite und bescherte dem damaligen ägyptischen Führer, Gamal Abdel Nassar, einen Herzinfarkt.

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Tiran-4 und Tiran-5 Panzer

Es gab zwei Hauptvarianten des Tirans:

  • Tiran-4, die israelische Bezeichnung für die eroberten T-54
  • Tiran-5, die israelische Bezeichnung für die eroberten T-55

Die frühen Tiran-Panzer wurden dahingehend modifiziert, die 1969 bestehenden Anforderungen der israelischen Armee zu erfüllen - das Programm unter dem Namen TI-67 (Tank, Israeli, 1967) sah unter anderem die Anpassung der Funkanlagen und Maschinengewehre vor. Auch wenn mehrere westliche Quellen behaupten, dass die Originalmotoren durch Modelle von General Motors ersetzt wurden, wird dies durch israelische Veteranen bestritten. Diese Modifikation wurde erst viel später als Teil der Achzarit-Entwicklung vorgenommen, auch wenn einige an Dritte verkaufte Einheiten in ähnlicher Weise nachgerüstet sein dürften.

Eine der wichtigsten Änderungen bestand darin, dass eine Vielzahl von Haken, Boxen und Halterungen an die Wanne und den Turm des Tiran angebracht wurden. Das ermöglichte es dem Fahrzeug nicht nur, mehr Ausrüstung mittzuführen, sondern - was noch wichtiger ist - änderte seine äußere Form, was den israelischen Soldaten ermöglichte, ihn von den T-54 und T-55 in ägyptischen und syrischen Dienst zu unterscheiden. Gleichzeitig spielte die Tatsache, dass Ägypten die Höhe seiner Verluste nach dem Sechstagekrieg niemals offiziell benannte, den Israelis in die Hände. Die ägyptischen und syrischen Truppen hatten keine Ahnung, dass Israel eroberte Ausrüstung einsetzte, was zu einigen bösen Überraschungen im Jom-Kippur-Krieg führte.

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Tiran-5 ausgeschaltet im südlichen Libanon

Als weitere ungewöhnliche, aber durchaus wichtige Änderung wurde das Heizungssystem aus dem Besatzungsraum entfernt. Vor dem Sechstagekrieg konnten israelische Aufklärungseinheiten beobachten, dass die ägyptischen Panzerbesatzungen ihre Fahrzeuge verließen, wann immer es möglich war, und sich lieber draußen aufhielten. Den Grund dafür fand man erst später - es kam heraus, dass die Ägypter die aus dem Russischen übersetzten Bedienungsanleitung allzu wörtlich befolgten. Zu ihrem Pech wurden diese Anleitungen mit Blick auf den kalten russischen Winter verfasst und beinhalteten Anweisungen zur Aktivierung der Heizsysteme, die von den Ägyptern geflissentlich befolgt wurden. Das Problem bestand darin, dass die Temperaturen während der heißen Sommermonate im Nahen Osten auf bis zu 45° Celsius steigen und es damit unmöglich machen, länger als nötig in den Fahrzeugen zu verweilen.

Einige der Tiran 4 und Tiran 5 wurden weiter modifiziert, indem das 100-mm-Geschütz des Originalmodells (das auf ebenfalls eroberte Munitionsvorräte angewiesen war) durch die israelische Standardkanone ersetzt wurde, die amerikanische 105 mm M68 (eine lizensierte Version der berühmten britischen Royal Ordnance L7). Die mit dieser Kanone ausgerüsteten Modelle hießen Tiran-4Sh, bzw. Tiran-5Sh, wobei das Sh für Shahir stand (hebr. verbessert). Manche Quellen behaupten, dass nur Tiran-5 (T-55) mit der M68 verbessert wurde.

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Tiran-5Sh im Latrun Museum

Die modifizierten T-54 bereiteten auch nach den Umbaumaßnahmen in zweierlei Hinsicht Schwierigkeiten:

  • Zum einen konnten Ersatzteile nur über dubiose Wege oder durch das Ausschlachten anderer Fahrzeuge beschafft werden. Im Gegensatz zu heute, wo Ersatzteile für ältere Modelle der T-Serie sehr günstig und relativ einfach zu haben sind, waren sie auf der Höhe des Kalten Krieges nur sehr schwer zu bekommen. Natürlich bestanden auch andere, mit dem Einsatz eroberter Fahrzeuge verbundenen Probleme, wie das Training der Besatzungen.
  • Zum anderen geht die Verbesserung von Fahrzeugbewaffnung üblicherweise mit gewaltigen Kosten einher, insbesondere, wenn ein Geschütz durch ein größeres ersetzt wird. Solche Modifikationen verschlechtern nicht nur die Leistungsfähigkeit von Geschütztürmen (die in sowjetischen Modellen dazu tendieren, extrem beengt zu sein), sondern können auch die Substanz der Turmkonstruktion gefährden (wenn die neue Waffe nicht zu der vorhandenen Kanonenblende passt). Generell ist eine Änderung der Hauptbewaffnung mit vielen Nachteilen behaftet und gilt gemeinhin als Mittel der letzten Wahl.

Im Fall des Tiran musste die 105-mm-Kanone M68 modifiziert werden, damit sie von dem rechts sitzenden Ladeschützen bedient werden konnte. Man erreichte dies durch eine Verbindung des M68-Geschützrohrs mit einem D-10T-Verschluss - eine ungewöhnliche Kombination, die jedoch gut funktionierte.

Es gab Versuche, den Tiran mit explosiver Reaktivpanzerung vom Typ Blazer aufzurüsten und mit Merkava-Elementen auszustatten (aufgrund der alten Dieselmotoren, die im israelischen Wüstenklima dazu neigten, sich zu überhitzen, wurden diese Prototypen „Samowar“ genannt), doch am Ende waren die Möglichkeiten, die Leistung der T-54/55-Serie zu verbessern, auf die oben genannten Änderungen beschränkt.

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Tiran-5 mit Räumschaufel

In der Mitte der 1980er-Jahre waren selbst die modernisierten Varianten überholt und wurden schrittweise durch andere Panzer ersetzt. Einige der Fahrzeuge fanden ihren Weg in die Hände libanesischer christlicher Milizen, von denen wiederum einige im Juni 2000 von der Hisbollah erobert und gegen Israel eingesetzt wurden. Eine kleine Partie wurde an Uruguay verkauft und - als weiteres Beispiel einer absurden Wendung der Geschichte - auch an den Iran, der während des Iran-Irak-Krieges ungeachtet aller Differenzen von Israel unterstützt wurde. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der iranische T-55Z einige Komponenten des Tirans israelischen Ursprungs verwendet.

Der Tiran verblieb bis 1990 im israelischen Dienst (meist in Reserveeinheiten) und wurde danach komplett ausgemustert.

Angesichts der im Libanonkrieg von 1982 gemachten Erfahrungen entschied man sich dafür, einige der alten Tiran-Panzer als Basis für den Bau eines schwer gepanzerten MTW zu verwenden. Das erste dieser Fahrzeuge wurde 1988 in den Dienst gestellt - unter dem Namen Achzarit (hebr. „die Grausame“).

Achzarit

Der Geschützturm wurde entfernt und durch einen relativ engen Truppenraum ersetzt (das Fahrzeug wird von einer Vier-Mann-Besatzung bedient und kann sieben Infanteristen transportieren). Die ursprüngliche Panzerung der Wanne wurde verstärkt und mit einem ERA-Set aufgerüstet. Diese Änderungen hatten einen Gewichtsanstieg von ursprünglich 36 auf 44 Tonnen zur Folge (die turmlose Wanne wog 27 Tonnen, plus die 17 Tonnen der zusätzlichen Panzerung).

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Achzarit Heavy MTW

Um den Gewichtsanstieg zu kompensieren, wurde der sowjetische 580-PS-Dieselmotor durch einen modernen General Motors V8 mit Allison-Übertragung ersetzt, der je nach Modell 650 bis 800 PS leistete. Der brachte den Achzarit auf bis zu 65 km/h und machte ihn damit schneller, als die modernsten Varianten des T-55.

Die Bewaffnung des Achzarit besteht aus mehreren Maschinengewehren in unterschiedlichen Konfigurationen - von drei bemannten und einem unbemannten 7,62-mm-MG in einer Rafael-Waffenstation, die von einem Schützen im Inneren des Fahrzeugs fernbedient wird, bis zu einer Rafael OWS mit .50 Kaliber (von der nur wenige hergestellt wurden).

Die Achzarit-Fahrzeuge nahmen erfolgreich an mehreren Operationen teil, darunter an der letzten palästinensischen Intifada. Es wird geschätzt, dass zwischen 400 und 500 Einheiten produziert wurden, die sich bis heute im israelischen Dienst befinden.

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