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Die vergessenen Helden

Wenn die Rede von den meistproduzierten Panzerfahrzeugen aller Zeiten ist, denken die meisten an sowjetische T-34 und T-55 oder amerikanische Shermans. Während der sowjetische T-54/55 in der Tat der meistgebaute reguläre Panzer war und es aller Wahrscheinlichkeit auch bleiben wird, geht der Titel für das meistproduzierte gepanzerte Fahrzeug aller Zeiten an ein gänzlich anderes Modell - den Universal Carrier.

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Universal Carrier

Der Universal Carrier und sein „Cousin“, der Loyd Carrier, entstanden im Zuge der Tanketten-Euphorie der 1920er-Jahre und man nimmt an, dass während der Produktionsjahre zwischen 1934 und 1960 geschätzte 113.000 Universal Carriers und 26.000 Loyd Carriers gebaut wurden.

Der Universal Carrier ist ohne Zweifel der bekanntere von den beiden. Der leichte Mannschaftstransportwagen wurde auf Basis der Carden-Loyd-Tankette entwickelt und war in der Lage, mehrere Insassen zu befördern. Es existierten mehrere Varianten des Universal Carriers, darunter der berühmte Bren Carrier (benannt nach dem leichten Maschinengewehr Bren), dessen Einfluss in älterer Fachliteratur und Belletristik dazu führte, dass sämtliche Universal Carrier als „Brencarriers“ bezeichnet wurden, obwohl diese in Wirklichkeit nur einen Bruchteil der insgesamt produzierten Fahrzeuge ausmachten.

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Loyd Carrier

Der Bren Carrier wurde nicht nur in England gebaut - Lizenzmodelle und modifizierte Varianten wurden außerdem in Kanada und Australien produziert, während die USA eine weitreichend umgestaltete Version des kanadischen Modells mit dem Namen T-16 herstellte.

Der Universal Carrier im Krieg

Der Universal Carrier war ein robustes und effektives Fahrzeug - und zwar derart effektiv, dass es während des Zweiten Weltkriegs von nahezu allen Kriegsparteien eingesetzt wurde (neben Großbritannien auch von Deutschland, den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und Italien). Es besaß eine Panzerung von 7 bis 10 mm Stärke, die der Besatzung Schutz vor Kleinkaliberwaffen bot, wog je nach Modell 3,6 bis 3,8 Tonnen und wurde von einem 85-PS-Ford-Motor angetrieben, der es auf 50 km/h beschleunigte.

Die erste Feuerprobe musste das Fahrzeug während des Frankreichfeldzugs 1940 bestehen, als das British Expeditionary Force von deutschen Truppen besiegt wurde und gezwungen war, seine gesamte schwere Ausrüstung zurückzulassen, darunter eine beträchtliche Anzahl von Universal Carriern.

Man nimmt an, dass die Deutschen über 300 dieser Fahrzeuge erbeutet haben, die im Anschluss extensiv eingesetzt wurden. Interessanterweise wurden die Fahrzeuge allesamt Bren genannt - Bren 731(e) um genauer zu sein (bzw. Gepanzerter Maschinengewehrträger Bren). Während die Mehrheit der eroberten Universal Carrier von den Deutschen in ihrer ursprünglichen Form eingesetzt wurde (wobei die Munition für die leichten Bren-MGs und Boys-Panzerbüchsen ebenfalls aus eroberten Beständen stammte), gab es daneben einige interessante Umwandlungen:

3,7 cm PaK 36 auf Selbstfahrlafette Bren(e) – bei dieser Version wurde eine 37-mm-Panzerabwehrkanone auf den Universal Carrier montiert und die daraus hervorgegangenen Fahrzeuge kämpften in Frankreich bis zur Landung der Alliierten in der Normandie.

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4 cm PaK 192 (e) auf Selbstfahrlafette Bren(e) – ältere Modelle der britischen 2-Pfünder (Mk.IX), montiert auf einem Universal Carrier. Die 2-Pfünder stammten ebenfalls aus BEF-Beständen und verwendeten alte Munition, woraus die Deutschen anfangs schlossen, dass die Waffe ihren eigenen Panzerbüchsen unterlegen war. Mehrere Versionen dieses Modells wurden zu Patrouillen- und Trainingszwecken eingesetzt.

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4,7 cm Pak 188 (h) auf Selbstfahrlafette Bren (e) – eine weitere Variation unter Verwendung einer ebenfalls erbeuteten Kanone, der aus niederländischen Beständen stammenden Böhler 47 mm. Während des deutschen Überfalls auf die Niederlande wurde dieses Geschütz erfolgreich gegen die 9. Panzerdivision vor Rotterdam eingesetzt und zerstörte nicht weniger als 25 deutsche Panzer und Panzerwagen. Der Umbau wurde von dem berühmten Baukommando Becker vorgenommen, das für zahlreiche außergewöhnliche Konstruktionen und konvertierte Fahrzeuge im deutschen Dienst verantwortlich war.

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2,5 cm PaK 112 (f) auf Selbstfahrlafette Bren(e) – nach dem Fall Frankreichs gelangte das Deutsche Reich massenhaft in den Besitz französischer Ausrüstung, worunter auch hunderte 25-mm-Panzerabwehrkanonen waren. Mehrere Universal Carrier wurden mit diesen Geschützen ausgerüstet und beim Nordafrika-Feldzug eingesetzt. Auch wenn die 25-mm-Kanone im Jahr 1942 bereits als veraltet galt, bot sie den Deutschen immer noch ausreichend Feuerkraft, um die Infanterie gegen weiche Ziele zu unterstützen.

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Panzerjäger Bren 731(e) mit 8.8 cm Panzerschreck – der vielleicht bekannteste deutsche Umbau des Universal Carriers. Der 88-mm-Raketenpanzerbüchsen 54 („Panzerschreck“) wurden dabei auf das Fahrzeug montiert, was am Ende einen improvisierten Panzerjäger ergab. Zusätzlich transportierte das Fahrzeug sechs mit Panzerfäusten bewaffnete Soldaten. Es kam 1944 in der Normandie zum Einsatz.

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Die Liste der deutschen Umwandlungen des Universal Carriers ist damit zwar bei weitem nicht ausgeschöpft, demonstriert aber das Bestreben der deutschen Heeresführung, möglichst viel aus dem erbeuteten Fahrzeug herauszuholen und huldigt damit gleichzeitigt auch dessen Qualitäten.

In Italien wiederum versuchte man, den Universal Carrier zu kopieren, allerdings zog das daraus hervorgegangene Fahrzeug (bekannt als CVP-4) gegen den L 40 Cingoletta (der auf dem Jagdpanzer L 40 da 47/32 basierte) den Kürzeren. Das hielt die Italiener aber keineswegs davon ab, in Nordafrika erbeutete Universal Carrier in ihren eigenen Reihen einzusetzen, auch wenn sie die ursprünglichen Bren-Maschinengewehre mit der 8-mm-Breda ersetzten.

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Fiat 2800, an Italian copy of the Universal Carrier

Der Universal Carrier kam nicht nur in Europa zum Einsatz. Er nahm auch an Kampfhandlungen im Asien teil und auch wenn die Kämpfe in Burma und Indien, an denen er vorrangig beteiligt war, oft im Schatten der amerikanischen Unternehmungen im Pazifikraum standen, sind sie keineswegs weniger verbissen gewesen. Eine der berühmtesten Episoden geschah unter der Beteiligung mehrerer Universal Carrier.

Der Hauptakteur der Episode, Stabsunteroffizier Parkash Singh, diente als Besatzungsmitglied eines Bren Carriers im 5. Bataillon des 8. Punjab-Regiments der Britisch-Indischen-Armee. Am 6. Januar 1943 gelangte sein Kampfzug in einen Hinterhalt in der Nähe der Stadt Donbaik auf der Maju-Halbinsel, wobei zwei Fahrzeuge getroffen liegenblieben. Da sein Kommandant verletzt war, übernahm Parkash Singh das Kommando über das Fahrzeug, schlug sich unter starkem Beschuss zu den liegengebliebenen Carriern durch und rettete die Männer.

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Universal Carrier in Indien, Februar 1942

Zwei Wochen darauf wurde seine Einheit wiederholt von den Japanern angegriffen, wobei abermals zwei Fahrzeuge getroffen wurden. Das Kommando wollte die Besatzungen der beiden Carrier schon als verloren abtun, als sich Parkash Singh unter schwerem Beschuss aufmachte, die Lage zu checken. Er fand den Kampfzugleiter und seine Besatzung schwer verwundet vor und, ohne die Möglichkeit, die Verwundeten aus dem Wrack zu bergen, verkuppelte er sein Fahrzeug mithilfe des Zugseils mit dem Wrack und zog den zerstörten Transportwagen aus der Schusslinie der Japaner. Für diese beiden Einsätze wurde er später mit dem höchsten britischen Militärorden ausgezeichnet - dem Victoria-Kreuz.

Die Universal Carrier setzten ihren Dienst auch nach dem Krieg fort und nahmen an zahlreichen bewaffneten Konflikten teil, vor allem im Zuge der israelischen Unabhängigkeitskriege, wo sie auf beiden Seiten eingesetzt wurden. Ihre Einsatzgeschichte ist extrem lang und würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, legt aber gleichzeitig Zeugnis für die überragende Qualität der Konstruktion ab.

Der Loyd Carrier

Ähnlich wie der Universal Carrier ist auch der Loyd Carrier ein leicht gepanzerter Mannschaftstransportwagen von ähnlicher Bauart gewesen - in der Tat hielten sie die Deutschen für zwei Versionen desselben Fahrzeugs und nannten sie ebenfalls Bren.

Bis Kriegsende verließen insgesamt 26,000 Einheiten des von Vivian Loyd (ebenfalls für das Design der Carden-Loyd-Tankette verantwortlich) entworfenen Loyd Carriers die Fabrikhallen.

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Der Loyd Carrier und eine 6-Pfünder Panzerabwehrrakete in den Niederlanden, 25. Oktober 1944

Das Fahrzeug wurde in mehreren Ausführungen produziert. Die bedeutendsten darunter waren der Tracked Personal Carrier (ca. 1500 gebaute Einheiten) und der Tracked Towing (ein Artillerietraktor und Transporter, der mit ca. 15.000 gebauten Einheiten zahlreichste Vertreter der Modellreihe), auch wenn es Prototypen eines 2-Pfünder-Jagdpanzers und einer 25-Pfünder-Selbstfahrlafette gab.

Eine der interessantesten Varianten wurde allerdings erst nach dem Krieg gebaut - und war nicht britisch.

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Loyd CATI mit einer 90mm Kanone

Die Belgier erhielten nach dem Krieg eine große Anzahl ausgemusterter Loyd Carrier, die bis 1963 ihren Dienst in der belgischen Armee verrichteten. Die belgische Firma MECAR analysierte den deutschen 8-cm-Panzerabwehrwerfer 600 und entwickelte auf dessen Basis ein 90-mm-L/28-Geschütz, das mittels HEAT-Projektilen in der Lage war, 350-mm-Walzstahlpanzerung zu durchschlagen. Die Waffe wurde 1954 auf einen Loyd Carrier montiert, was im Endeffekt den Jagdpanzer 90 mm CATI (Canon Anti-Tank d'Infanterie Automoteur) ergab. Es wurden zwei Versionen gebaut:

  • Ein mit 90-mm-Kanone bewaffneter CATI
  • Ein unbewaffneter Munitionstransporter

Die beiden wurden paarweise eingesetzt. Der CATI wurde dabei keinesfalls spezialisierten Jagdpanzereinheiten zugeteilt, sondern regulären Infanterieeinheiten. Es ist nicht bekannt, wie viele dieser Fahrzeuge letztendlich gebaut wurden, doch eine ansehnliche Zahl verrichtete ihren Dienst zwischen 1954 und 1963.

Die Ära des Universal Carrier und des Loyd Carrier ist längst verstrichen und die erhaltenen Exemplare können nunmehr nur noch in Militärmuseen auf der ganzen Welt bewundert werden. Ungeachtet ihrer geringen Größe und der dünnen Panzerung sind diese Fahrzeuge essenziell für die Kriegsanstrengungen der Alliierten gewesen und ihr Beitrag zur gepanzerten Kriegsführung sollte nicht unterschätzt werden.

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