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Ein Kampf gegen Phantome

Als das Ende des Zweiten Weltkriegs bereits abzusehen war, entstanden im Dritten Reich unzählige Rüstungsprojekte, die entweder völlig realitätsfremd oder einfach nur lächerlich waren. Das wohl bekannteste dieser Projekte ist der superschwere Panzer Maus mit seiner spannenden Entstehungsgeschichte, ähnlichen Größenwahn legten aber auch die auf Selbstfahrlafetten montierten Kanonen mit 128, 150 oder gar 170-mm-Kaliber, die auf den Fahrwerken des 38(t), 38(d), Panther oder Tiger basierten. Auch wenn es die meisten dieser Projekte meist nicht über den Prototypstatus hinaus schafften (obwohl einige Waffenträger tatsächlich gebaut wurden und in den letzten Schlachten des Krieges zum Einsatz kamen), war ihre hohe Zahl wirklich erstaunlich. Fest steht, dass diese Fahrzeuge völlig unpraktisch wären und ihre Herstellung eine kolossale Verschwendung an Rohstoffen bedeutet hätte. Die Frage lautet also, warum es die Deutschen überhaupt auf sich nahmen, sie zu entwerfen.

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Wenn man diese Frage auf einem öffentlichen Forum stellt (von denen es im Netz nur so wimmelt, seitdem Spiele mit Kriegsthematik an Popularität gewonnen haben), dann lautet die Antwort meist, die Deutschen wären entweder dumm, oder wahnsinnig gewesen. In Wahrheit waren sie - mit einigen Ausnahmen - weder das eine, noch das andere und ihre Projekte basierten auf einer eigenen, wenn auch verdrehten Logik. Heute werfen wir einen Blick auf die Hintergründe dieser Logik, um zu verstehen, wie es zur Entwicklung der ungewöhnlichen Projekte kommen konnte.

Im Jahre 1944 ist jedem klar gewesen, der nicht gerade zu den verblendeten Optimisten zählte, dass das Dritte Reich so gut wie erledigt war. Angesichts der immer knapper werdender Ressourcen hatten die Deutschen der sowjetischen Offensive und dem Einfall der westlichen Alliierten über Frankreich nichts entgegenzusetzen. Gegen Ende des Jahres wurde eine Versorgungskette nach der anderen unterbrochen, was dazu führte, dass sich im ganzen Militär Chaos und Panik breit machte: Kommandanten erteilten Befehle an Einheiten, die längst nicht mehr existierten und einfache Soldaten blieben führerlos und auf sich gestellt zurück.

Da wundert es nicht, dass bei Soldaten und Offizieren gleichermaßen wilde Gerüchte die Runde machten. Eines dieser Gerüchte hatte direkten Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Rüstungsprojekte der späten Kriegsjahre. Niemand weiß, wie das Gerücht entstanden ist und seit wann es die Runde machte, jedenfalls ist für den Anfang 1945 dokumentiert, dass der Generalstab in Berlin davon überzeugt war, die Russen hätten eine Art Superpanzer in ihrem Arsenal. Den „Berichten“ zufolge war die Frontpanzerung dieses Panzers 300-400 mm dick und durch konventionelle Antipanzerwaffen nicht zu stoppen.

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Es war nicht das erste Mal, dass so ein Gerücht entstand. Wir werden wohl niemals erfahren, wann und wie es aufkam - vielleicht als Folge deutscher Fantasien über kriegsentscheidende Superwaffen, gepaart mit den unfassbar großen realen Verlusten an der Front, vielleicht aber als Produkt der kranken Vorstellungskraft eines von der Realität längst abgekapselten Führers.

Auf jeden Fall sollte man mit vorzeitigen Schlussfolgerungen vorsichtig sein. Was uns nach jahrzehntelanger Forschung der Militärgeschichte offensichtlich erscheint, ist den Soldaten in den chaotischen letzten Kriegsmonaten verwehrt gewesen und sie hatten oft keine Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt solcher Gerüchte zu überprüfen. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt - in jener Zeit sind sogenannte „Panzerschocks“ nichts neues gewesen.

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Ein „Panzerschock“, manchmal auch „Panzerkrise“ genannt, beschreibt eine Situation, bei der das Auftauchen eines bestimmten Fahrzeugs, das die gegnerischen Panzer spürbar (nachweislich oder nicht) überragt einen frenetischen Schub in der Panzerentwicklung der betroffenen Seite verursacht. Zu solchen Situationen kam es bereits vor 1945, der erste Fall ereignete sich 1917, während der Schlacht von Combrai, als zum ersten mal massenweise Panzer auf die Bildfläche traten. Ein anderes Mal hatte der T-34 eine einschüchternde Wirkung auf deutsche Truppen, ähnlich spektakulär auch das spätere Auftreten der deutschen Panther- und Tiger-Panzer. Angesichts dieser Ereignisse wundert es nicht, dass ein neuer „Panzerschock“ den deutschen Soldaten und Ingenieuren durchaus plausibel erschien, auch ohne schlagende Beweise. Anders lässt sich wohl nicht erklären, dass das deutsche Oberkommando den Berichten glauben schenkte und die Entwicklung von Waffen in Auftrag gab, die in de Lage wären, Panzerung von 300-400 mm Stärke zu durchschlagen.

Den Unbesiegbaren besiegen

Natürlich gab es bereits davor Versuche, derart mächtige Waffen zu entwickeln (übrigens nicht nur bei den Deutschen, auch die anderen Kriegsparteien pokerten hoch), doch sind sie nicht von Erfolgen gekrönt gewesen. Es gab drei Möglichkeiten, eine bessere Antipanzerwaffe zu bauen:

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Erstens - die Waffe zu vergrößern. Scheint logisch zu sein - wer einen größeren Knall braucht, der braucht eine größere Kanone, stimmt‘s? Nun, nicht ganz. Diese Methode hat zwei große Nachteile. Zum einen gibt es eine Grenze des Machbaren, was die Vergrößerung von Geschützen betrifft. Das Limit der Deutschen lag ungefähr bei Kalibergröße 128 mm. Ein Geschütz weiter zu vergrößern würde die Durchschlagskraft kaum erhöhen und selbst wenn Treffer eines massiven 15- oder 17-cm-Projektils in der Lage wären, ein gegnerisches Fahrzeug zu zerstören, würden die Nachteile einer solchen Konstruktion (Nachladegeschwindigkeit, Logistik) eine solche Waffe höchst unpraktisch machen. Entwürfe für massive 15- und 17-cm-Antipanzergeschütze existierten zwar auf dem Papier (der bekannteste ist wohl das Sturmgeschütz auf Fahrgestell Maus, im Netzjargon auch „Jagdmaus“ genannt, sowie dessen Schwesterprojekt auf dem E-100-Fahrgestell), doch waren sie so abgehoben, dass kein einziger Prototyp fabriziert und das Programm Ende 1944 eingestellt wurde. Der zweite Nachteil schließt direkt an den ersten an - die Mobilität. Selbst in Form eines Antipanzergeschützes ist der 88 mm PaK 43 (L/71) extrem schwer zu manövrieren gewesen (er wog je nach Geschütz 4 bis 5 Tonnen, während der allgegenwärtige 75 mm PaK 40 nur 1,4 Tonnen auf die Waage brachte). Der 12,8 PaK 44 wog ungefähr 10 Tonnen und war einfach zu schwer, um effektiv betrieben zu werden.

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Die zweite Methode bestand darin, die Möglichkeiten existierender Munition zu erweitern. In Deutschland wurden einige interessante kinetische Geschosse entwickelt, darunter eine Serie von Treibspiegelgeschossen und Pfeilgeschossen (APFSDS). Diese durchaus effektiven Projektile hatten zwei bedeutende Nachteile. Die Treibspiegelgeschosse der Kriegsära sind alles andere als präzise gewesen. Das galt übrigens für beide Seiten - die britischen 17pdr-ADS-Projektile waren furchtbar ungenau (auch wenn ihre Durchschlagsleistung auf dem Papier die der standardmäßig eingesetzten APCBC-Projektile übertraf) und konnten nur mittels kostspieliger Verbesserungen auf Linie gebracht werden, was uns zu dem zweiten Problem bringt - den Kosten. Um effektiv zu sein, müssen Hochgeschwindigkeits-Wuchtgeschosse aus extrem harten Materialien bestehen - in diesem Fall, aus Wolfram. Wolfram aber ist sehr selten und teuer gewesen, weshalb Alternativen in Erwägung gezogen wurden (ohne größeren Erfolg), wie etwa Urangeschosse (nicht aus abgereichertem Uran, wohlgemerkt). Am Ende ist stets zu wenig geeignetes Material verfügbar gewesen, um solche Geschosse in nötiger Menge herstellen zu können.

Eine dritte Methode wäre die Entwicklung neuer Munitionstypen und hier kommen wieder Gerüchte ins Spiel. Im Jahr 1945 glaubte man, dass Hohlladungsgeschosse (auch bekannt als HEAT-Geschosse) als einzige in der Lage wären, eine derart starke Panzerung zu durchschlagen. HEAT-Munition ist damals nichts neues gewesen ihre Entwicklung begann bereits vor dem Krieg und sie war seit ca. 1940 im Einsatz. Doch die von den Deutschen zur Panzerbekämpfung eingesetzten, HEAT-kompatiblen Waffen, wie Panzerfaust und Panzerschreck, konnten einer derart dicken Panzerung nichts anhaben, wobei die Leistung der Geschosse selbst sehr zu Wünschen übrig ließ.

Am Ende ist all die Mühe umsonst gewesen und es wurde eine Unmenge an Ressourcen in den Wind geschlagen, um etwas zu bekämpfen, was überhaupt nicht existierte.

Epilog

So dachte man jedenfalls bis zum 7. September 1945, als in Berlin eine große Militärparade stattfand. Dabei wurde der sowjetische Schwerpanzer IS-3 der Öffentlichkeit und Vertretern der westlichen Armeen vorgestellt, die von dessen Erscheinung komplett geschockt waren.

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Die Parade löste den ersten Panzerschock der Nachkriegszeit aus und gipfelte in der Entwicklung von Fahrzeugen, die dieser neuen Gefahr die Stirn bieten konnten, wie der britische Conqueror. In diesem Sinne ist die Gefahr durch einen sowjetischen Superpanzer, an den die Deutschen so sehr glaubten, dass sie ungezählte Ressourcen zu seine Bekämpfung aufbrachten, zur Realität geworden, auch wenn die Bemühungen der Kriegszeit nur ein Kampf gegen Phantome gewesen ist.

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