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Ein Mann gegen eine ganze Armee

Wann immer von Panzerassen die Rede ist, werden überwiegend russische oder deutsche Namen genannt. Das Ansehen so manch eines deutschen Panzerkommandanten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat mittlerweile fast mythische Ausmaße erreicht, allen voran die Heldentaten des SS-Offiziers Michael Wittmann bei der Schlacht von Villers-Bocage. Doch selbst Wittmanns Bravurstücke verblassen neben dem heroischen Kampf eines der besten Panzerkommandanten der Geschichte - Leutnant Zvika Greengold, einem Mann, der mit eiserner Hand eine ganze syrische Brigade besiegte.

Der Krieg des jüngsten Gerichts

Der Jom-Kippur-Krieg (auch bekannt als Oktoberkrieg) ist der vielleicht tödlichste Konflikt gewesen, in den der Staat Israel verwickelt war. Im Jahre 1973 hatte Israel bereits drei große Konflikte hinter sich, aus denen es stets siegreich hervorging, doch das Ausmaß des Jom-Kippur-Angriffs erreichte eine bis dahin nicht gekannte Dimension. Das Rückgrat der arabischen Streitkräfte bildeten ägyptische und syrische Truppen und es war die syrische Armee, die das Gebiet der Golanhöhen vom Norden her überfiel.

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Die Golanhöhen wurden von Israel sechs Jahre zuvor während des Sechstage-Kriegs von 1967 erobert und eines der strategischen Ziele der Syrer bestand darin, das Gebiet zurückzugewinnen. Dessen Bedeutung war und ist hauptsächlich eine strategische - die Bergkette ermöglicht die Kontrolle der gesamten Region, bietet exzellente Verteidigungspositionen und ermöglicht Artilleriebeschuss nordisraelischer Städte. Israel musste um jeden Preis verhindern, dass dieses Gebiet in feindliche Hände fällt.

Die Region wurde von Israels 188. Panzerbrigade verteidigt, auch bekannt unter dem Namen Barak- bzw. Blitz-Brigade, einer Ehrenbezeichnung, die ihr 1956 verliehen wurde. Sie bestand aus ca. 60 israelischen Centurion und Isherman-Panzern und wurde von der 7. Panzerbrigade mit weiteren 110 Panzern unterstützt. Insgesamt standen 170 Panzer und 100 Artillerieeinheiten zur Verfügung.

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Die Region wurde von Israels 188. Panzerbrigade verteidigt, auch bekannt unter dem Namen Barak- bzw. Blitz-Brigade, einer Ehrenbezeichnung, die ihr 1956 verliehen wurde. Sie bestand aus ca. 60 israelischen Centurion und Isherman-Panzern und wurde von der 7. Panzerbrigade mit weiteren 110 Panzern unterstützt. Insgesamt standen 100 Artillerieeinheiten zur Verfügung.

Während der Angriff im Norden abgewehrt werden konnte, durchbrachen zwei syrische Infanteriedivisionen mit Panzerbrigaden von insgesamt 200-250 Panzern im südlichen Bereich die israelische Verteidigungslinie und löschten die 188. Panzerbrigade praktisch aus. Deren Überbleibsel kämpften verzweifelt, um den feindlichen Angriff zu verlangsamen, während israelische Truppen aus dem Landesinneren zur Verstärkung herbeieilten und sich umgehend in den Kampf stürzten.

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Einer der Soldaten, die zur Verstärkung der angeschlagenen und belagerten Brigade herbeieilte, war Leutnant Zvi Greengold, der sich zum Zeitpunkt der Invasion in seiner Heimatstadt Haifa befand. Der syrische Überfall fand während des israelischen Jom-Kippur-Festes statt, viele Soldaten waren gerade auf Urlaub oder unterwegs zu ihren Einheiten. Im Hauptquartier in Nafakh wurde Greengold zum Kommandanten von vier ramponierten Centurions bestimmt, die gerade von der Front zurückgekehrt waren. Er wählte spontan das Funkrufzeichen „Koah Zvika“ (Einsatztrupp Zvika) und führte die Panzer samt Besatzung in den Kampf.

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Nach mehrstündiger Fahrt entlang der Transarabischen Pipelineroute erreichten sie ihr Bestimmungsziel. Die Lage der israelischen Streitkräfte war verzweifelt, der schwere und effektive Artilleriebeschuss der Syrer fügte unermesslichen Schaden zu und die lokale Armeeführung war hoffnungslos überfordert. Leutnant Greengold hoffte, mit den immer noch kämpfenden Verbänden in der Region aufzuschließen, um Feuerunterstützung zu bieten, doch am 6. Oktober 1973, um ca. 21 Uhr, stieß seine aus 4 Panzern bestehende Einheit auf eine volle Kompanie syrischer Panzer in Kampfstellung.

Die Israelis besannen sich auf ihr Training, begaben sich sofort in Hulldown-Position und richteten ihre 105mm-Kanonen auf den nichtsahnenden Gegner. Plötzlich tauchte zehn Meter von Greengolds Panzer ein syrischer T-55 aus der Dunkelheit auf. Zvikas Richtschütze feuerte sofort und riss den T-55 in Stücke, die Explosion setzte dabei auch die Funkanlage des Centurion außer Gefecht, was den Kommandanten nicht nur von den anderen Panzern abschnitt, sondern auch von seiner Besatzung. Zvi Greengold verließ seinen Panzer und kletterte in einen zweiten, in der Nähe stehenden Centurion. Er wies dessen Kommandanten an, mit ihm die Panzer zu tauschen und exakt seinen Handlungen zu folgen. Doch der Platztausch ging nur eine Weile gut - ohne Funkkontakt verlor sich der zweite Panzer in der kalten Wüstennacht. Grenngold war nun ganz allein auf sich gestellt.

Plötzlich stieß er auf drei weiter feindliche Panzer. Sie waren bereits hinter den israelischen Linien und bewegten sich schnell vorwärts, ohne große Gegenwehr zu erwarten. Zur besseren Sicht fuhren sie sogar mit eingeschalteten Scheinwerfern - ein Fehler, der ihnen zum Verhängnis werden sollte. Drei präzise Schüsse aus Greengolds Kanone verwandelten die feindlichen Panzer in brennende Schrotthaufen, was seine Trefferbilanz auf vier erhöhte.

Greengold wechselte geschmeidig seine Position und zerstörte mithilfe seiner Besatzung weitere drei Panzer des Gegners. Zu diesem Zeitpunkt war ihm klar, dass er es allein mit einem massiven syrischen Angriff aufnehmen musste, weil die israelische Verteidigungslinie durchbrochen war und der Feind mit großen Panzerverbänden hinter der Front angreifen würde. Leider konnte er diese prekäre Situation nicht ans Hauptquartier berichten, weil bekannt war, dass die Syrier dank ihres Equipments und des von sowjetischen „Beratern“ erhaltenen Trainings zu Experten im Abfangen israelischen Funkverkehrs geworden sind. Sie waren sogar in der Lage, aufgrund der abgehörten Signale israelische Kräfte zu lokalisieren und mit präzisen Luftschlägen zu traktieren.

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Dreißig Minuten später zog die gesamte syrische Angriffsmacht an ihm vorbei. Eine große Zahl von Panzern und Lastwagen, erleuchtet wie bei einer Parade. Es war das 452. syrische Panzerbataillon unter Major Ismail. Zvika Greengold wartete ab, bis der erste Panzer 20 Meter von ihm entfernt war und eröffnete das Feuer, was den Gegner augenblicklich ausschaltete und die Kolumne stoppte.

Auf eigene Faust

Was nun folgte, ist der Stoff, aus dem Legenden entstehen. Eine ganze Stunde lang feuerte der Centurion aus der Dunkelheit und setzte immer mehr syrische Panzer außer Gefecht. Die Syrer waren komplett verwirrt und versuchten verzweifelt, das Stahlmonster in der Dunkelheit auszumachen, wofür sie sogar ihre Suchscheinwerfer einsetzten. Das machte das Zielen für Zvika Greengold und seine Besatzung noch einfacher und nachdem sich der Rauch gelegt hatte, waren nicht weniger als 10 Panzerfahrzeuge durch Zvikas präzise Schüsse zerstört. Abgefangene syrische Funksprüche belegen, dass die Syrer sich von einer ganzen Panzereinheit umzingelt sahen und nicht ahnten, dass ihnen nur ein einziges Fahrzeug entgegenstand.

Nach dieser Aktion wurde Zvikas Einheit auf Befehl von Oberstleutnant Uzi More zur Verteidigung des Hauptquartiers in Nafakh verlegt. Das Reservebataillon bestand aus Zvikas Vierer und zwei Reserve-Panzereinheiten - den allerletzten Reserveeinheiten im ganzen Verteidigungssektor. Es ist etwa 2 Uhr nachts gewesen.

Die Aktion wurde ein Desaster. In der Dunkelheit stieß die gesamte Einheit auf einen großen syrischen Verband von T-62-Panzern, die den ersten Centurion umgehend in Brand setzten. Greengold rief einen weiteren Panzer zur Hilfe und versuchte, an den brennenden Panzer zu gelangen, um die Besatzung zu retten. Dabei wurden beide herbeigeeilten Panzer zerstört. Zvika musste sich samt Besatzung aus dem brennenden Centurion retten, wobei alle schwere Brandverletzungen davontrugen. Der Kommandant selbst befand sich in einer Art Rauschzustand. Irgendwie kroch er zum nächsten unbeschädigten Centurion, übernahm das Kommando und ließ per Funk verlautbaren, dass er immer noch im Befehlsstand sei. Er stand kurz davor, vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Die schweren Verbrennungen an Gesicht und Händen machten sich auf unerträgliche Weise bemerkbar. Die ruhige, konzentrierte Stimme seines Kommandanten, Oberst Ben-Shoham, brachte ihn wieder zu sich, woraufhin er seinen Zorn bündelte und an zwei herannahenden feindlichen Panzern auslud. Zwei Schüsse - zwei Treffer und ein langsamer Rückzug in die Dunkelheit.

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Ungeachtet der gegnerischen Verluste sah es für die Israelis schlecht aus. Oberstleutnant More verlor einen Arm und ein Auge, als sein Panzer von einer reaktiven Panzerbüchse getroffen. Ein israelischer Panzer nach dem anderen musste sich der syrischen Übermacht geschlagen geben. Das gesamte Gebiet der Golanhöhen wurde zu einem Schlachtfeld, auf einen israelischen Cantaurion kamen 15 syrische Panzer. Die Schlacht dauerte die ganze Nacht und bei Sonnenaufgang befanden sich die israelischen Truppen in einer noch aussichtsloseren Lage, als noch eben im Schutz der Dunkelheit.

Zwischenzeitlich traf immer mehr Verstärkung aus dem Inland ein. Gegen die 500 Panzer starke syrische Brigade, die zum Durchbruch der südlichen Verteidigungslinie aufgestellt wurde, schickte man kleine Einheiten von 3-4 Panzern, sobald jene aus den Reservegebieten eintrafen. Dieser schicksalhafte Tag sah viele heldenhafte und verzweifelte Taten. Major Lenschners Einheit von 14 Centurions, die von einer syrischen Übermacht von Panzerfahrzeugen umzingelt wurde, verteidigte sich bis zum letzten Mann. Die nach dem Krieg entdeckten Überreste der standhaften Kämpfer waren von einem Ring ausgebrannter feindlicher Panzer umgeben.

Nicht weit von Lenschners letzter Position schalteten zwei israelische Centurions unter dem Kommando der Oberstleutnants Yisraeli und Ben-Shoham im Alleingang 20 feindliche Panzer aus. Als die Munition in Yisraelis Panzer knapp wurde, befahl er seinem Fahrer unter MG-Feuer den gegnerischen T-62 zu rammen, der Ben-Shohams Fahrzeug zu zerstören drohte. Yisraelis Panzer wurde bei der Charge in Stücke gerissen und der Kommandant starb in seinem Wrack. Kurz darauf fiel auch Ben-Shoham. Zur selben Zeit kämpfte Zvika Greengold, der sich den Truppen des gefallenen Yisraeli anschloss, ganz in der Nähe bei der Verteidigung des Hauptquartiers in Nafakh gegen anrückende syrische Panzerbrigaden.

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Zunächst sah es nach einem Sieg der Angreifer aus. Zwei syrische Panzerverbände erreichten Nafakh, durchbrachen die magere Verteidigung und schlachteten Dutzende israelische Soldaten nieder. In dieser Situation wurden selbst an Büroarbeiter und Servicekräfte Waffen ausgegeben - die Lage schien aussichtslos.

Als alles bereits verloren schien, zogen einige aus den letzten Schlachten übriggebliebene Centaurions herbei und begannen damit, die Syrer zu beschießen. Darunter auch Zvika Greengolds Fahrzeug. Ein syrischer Panzer nach dem anderen flog in die Luft, bis kein Gegner mehr auf dem Schlachtfeld übrig blieb und die ganze Gegend mit Wracks übersät war. Die Schlacht war vorbei.

Zu diesem Zeitpunkt kämpfte Zvika bereits seit 24 Stunden und sowohl er, als auch seine Besatzung waren extrem erschöpft. Sobald die Gefahr gebannt war, kletterte Zvika Greengold langsam aus seinem Centurion, murmelte „Ich kann nicht mehr“ und brach zusammen. Man brachte ihn sofort in medizinische Behandlung.

Epilog

Es ist nicht genau bekannt, wie viele Panzer Greengold während seines 24-stündigen Einsatzes zerstört hat, die Schätzungen schwanken zwischen 20 und 40. Für seine Taten wurde ihm die Tapferkeitsmedaille verliehen, die höchste Auszeichnung der israelischen Armee. Er überlebte den Krieg und verließ das Militär im Jahr 1974 im Rang eines Hauptmanns. Er machte eine Karriere in der Politik, ist heute 63 Jahre alt und Bürgermeister der israelischen Stadt Oakum.

Greengold gilt in Israel als Nationalheld und lebende Legende.

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