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In Entwicklung: OA-82 Jarmila II

Wenn es eine Eigenschaft gibt, die sich wie ein roter Faden durch die Entwicklung der tschechoslowakischen Panzerfahrzeuge zieht und bis zu den ersten Modellen aus einheimischer Produktion während der Zeit des Ersten Weltkriegs zurückreicht, dann ist es die Mobilität. Die ersten Einheiten, die Panzerfahrzeuge verwendeten, sind die Tschechoslowakischen Legionen in Russland gewesen. Sie kamen in den Besitz mehrerer gepanzerter Fahrzeuge und setzten sie erfolgreich gegen die neu aufgestellte Rote Armee ein. Diese Fahrzeuge wurden zusammen mit Panzerzügen zum Symbol der Legionen und halfen den tschechoslowakischen Truppen dabei, die Sowjets zu besiegen und an einem Punkt sogar weite Strecken der Transsibirischen Eisenbahn zu kontrollieren.

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OA-82 Jarmila II Nachbildung

Die Tradition wurde auch nach dem Krieg fortgeführt, als bei Tatra und Škoda mehrere Panzerfahrzeuge entwickelt wurden. Die tschechoslowakischen Strategen erachteten hohe Mobilität als Schlüsseleigenschaft für die Verteidigung der Tschechoslowakei in der Ära zwischen den Weltkriegen, weshalb der Bau leichter und schneller Fahrzeuge höchste Priorität genoss.
Während des Zweiten Weltkriegs nutzten die tschechoslowakischen Exilstreitkräfte etliche Panzerfahrzeuge. Die bekanntesten unter ihnen waren die britischen Humber Mk. 1 und Mk. 2, sowie mehrere leicht gepanzerte Fahrzeuge vom Typ BA-64B. Diese Einheiten wurden 1945 zusammen mit der übrigen Ausrüstung der Exilstreitkräfte an die neu aufgestellte tschechoslowakische Armee übergeben.

Sie wurden relativ schnell wieder ausgemustert. Im Falle des BA-64B geschah dies bereits 1949, da die wenigen, im tschechoslowakischen Besitz befindlichen BA-64A komplett abgenutzt waren. Die Humber wurden zusammen mit den anderen westlichen Fahrzeugen in den frühen 1950er-Jahren ausgemustert. Dies geschah aus rein pragmatischen Gründen, da die Menge der Fahrzeuge kaum mehr als ein Dutzend betrug. Im Endeffekt besaß die tschechoslowakische Armee ab der zweiten Hälfte der 1940er bis in die erste Hälfte der 1950er-Jahre praktisch keine Panzerfahrzeuge.

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BA-64 in tschechoslowakischem Dienst

Die Armeeführung war mit dieser Situation nicht zufrieden, der Fokus bei der Neustrukturierung der Panzertruppen lag auf dem Kauf und der Nachrüstung von Fahrzeugen, später auf dem Bau neuer Panzer, Jagdpanzer und anderer schwerer Fahrzeuge. Es geschah jedoch erst am 31. März 1952, dass die oberste Militärführung ein Programm zur Entwicklung eines neuen leicht gepanzerten Fahrzeugs aus einheimischer Produktion absegnete.

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Tatra T-805 - Transporter-Version

Das neue Panzerfahrzeug basierte auf dem (damals neuen) Tatra-Fahrgestell T-805, einer leichten Universalplattform, die das Fundament vieler weiterer Modelle stellen sollte, einschließlich Lastwagen und Transportern mit exzellenter Geländetauglichkeit und Bodenfreiheit. Das maximale Gewicht des Fahrzeugs sollte 3,5 bis 4 Tonnen nicht überschreiten und ähnlich gepanzert sein, wie der ältere sowjetische BA-64. Die 6-mm-Stahlplatten würden das Fahrzeug nur vor Kleinkaliberwaffen schützen, was angesichts der dem Fahrzeug zugedachten Rolle allerdings als ausreichend angesehen wurde. Das Fahrzeug sollte von einem 75-PS-starken T-603-Motor von Tatra angetrieben und mit zwei 7,62-mm-Maschinengewehren ausgerüstet werden - einem an der Wanne und einem am Turm.

Als Entwickler des Fahrzeugs wurde das Werk Automobilové Závody n.p. aus Mladá Boleslav ausgewählt. Als Antwort auf die vom Militär gestellten Forderungen präsentierten die Entwickler ein Projekt mit der Bezeichnung Š-971 (manchmal auch OA Š-971 genannt, wobei OA für Obrněný Automobil bzw. Panzerwagen steht). Der Motor befand sich bei diesem Modell im Heck.

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Š-971 Prototyp - Prag, 1954, Foto von T805.cz

Ein erster Entwurf mitsamt Kartonmodell war am 3. Dezember 1952 fertig, wurde jedoch von Vertretern der Panzertruppen abgelehnt. Man tendierte zu der Idee, den T-805-Lastwagen mit Frontantrieb zu nehmen und mit einigen Panzerungsplatten zu verstärken. Dieser Vorschlag war im Vergleich zum Angebot der Automobilové Závody deutlich schlechter und führte nur zu einer monatelangen Verzögerung, bis schließlich im Juni 1953 die weitere Entwicklung der Variante mit Heckmotor abgesegnet wurde. An diesem Zeitpunkt erhielt das Projekt auch seinen offiziellen Codenamen: Jarmila.

Wenn es um die Benennung von Panzerfahrzeugen in der Tschechoslowakei geht, ist es nicht unüblich, dass Fahrzeuge bei ihrem Projektnamen genannt werden. Das vielleicht bekannteste Beispiel dafür ist das Modell Ještěrka (Eidechse), wie die 30-mm-Doppelkanone auf einem gepanzerten Praga-V3S-Fahrgestell üblicherweise genannt wird. Auch dieser Name stammt aus der Entwicklungszeit. Als solches ist Jarmila nicht die offizielle Bezeichnung des Militärs, sondern der inoffizielle Name des Projekts.

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Š-971 Prototyp, Foto von T805.cz

Die Entwicklung des Jarmila-Panzerwagens gestaltete sich eher zäh, was durch die ständigen Änderungen bei den militärischen Vorgaben verursacht wurde. So wurde beispielsweise das Maschinengewehr an der Wanne irgendwann komplett entfernt. Das Militär orderte drei Prototypen, von denen der erste 1954 gebaut wurde, um werkinternen und militärischen Tests unterzogen zu werden. Ein Jahr später wurden zwei weitere Prototypen fertiggestellt und im Sommer 1955 getestet.

Das größte, bei diesen Testläufen entdeckte Problem, bestand in der Überhitzung des Motors. Daraufhin wurde das Kühlungssystem der späteren Prototypen mehrmals verbessert, was sich jedoch bis August 1956 hinzog und immer noch nicht garantierte, ob die Verbesserungen der Kühlung auch wirklich funktionieren würden. Angesichts dieser Entwicklungsprobleme beschloss das Militär am 14. Mai 1956 den Abbruch des Projekts. Zwei der Prototypen sollten bis 1958 eingelagert werden, während einer 1957 für Demonstrationszwecke einer neuen, rückstoßfreien 82-mm-Waffe verwendet wurde. Die letzten Spuren der beiden Prototypen finden sich in einigen Militärdokumenten aus dem Jahr 1961, wonach sie endgültig verschwinden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurden sie kurz darauf verschrottet.

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Š-971 mit einem rückstoßfreien 82-mm-Gewehr

Die Situation der tschechoslowakischen Aufklärungseinheiten, die zu jener Zeit nur mit Motorrädern ausgerüstet waren und Bedarf nach einem leicht gepanzerten Fahrzeug hatten, wurde dadurch natürlich nicht gelöst.

In den Jahren 1956 und 1957 wurden mehrere Versuche unternommen, das eingestellte Š-971-Projekt mit einem anderen Modell zu ersetzen. Die favorisierte Lösung bestand darin, das T-805-Fahrgestell zu nutzen, dieses mal allerdings mit einem frontal angebrachten Motor. Eine Zeit lang brachte man den Kauf leichter sowjetischer Rad-MTW vom Typ BT-40 ins Gespräch, was sich jedoch als zu teuer herausstellte und nicht weiter verfolgt wurde. Die langfristige Lösung konnte nur in der einheimischen Produktion liegen.

Zu dieser Zeit schwebten mehrere Ideen im Raum, darunter ein leichter 4-Mann-MTW, ein schwererer 8-Mann-MTW, sowie ein Panzerwagen, bis das Programm im Juni 1957 einen konkreten Umriss bekam, als Generalmajor Jiří Mastný den Vorschlag für einen leichten Panzerwagen mit zwei rückstoßfreien Geschützen auf T-805-Fahrgestell aufbrachte. Das Škoda-Werk in Pilsen (das zwischen 1952 und 1959 in Závody Vladimíra Iljiče Lenina bzw. W.I.-Lenin-Werk umbenannt wurde) produzierte bereits Lastwagen vom Typ T-805 und die Idee war, dass dort auch die gepanzerte Variante zusammengebaut werden sollte. Am 5. November 1957 wurde das Projekt zur Herstellung eines solchen Fahrzeugs im Jahr 1958 offiziell abgesegnet.

Mit der Entwicklung des Fahrzeugs wurde Tatra Kopřivnice beauftragt, wo im April 1958 unter Mastnýs Leitung ein Prototyp gebaut wurde. Das Fahrzeug bekam die Bezeichnung Tatra T-811, auch wenn es im Nachhinein unter dem Projektnamen OA-82 Jarmila II bekannt wurde.

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OA-82 Jarmila II, Foto von T805.cz

Der Jarmila-II-Prototyp wog 3,1 Tonnen, war 4 Meter lang, 1,95 Meter breit, 1,85 Meter hoch und besaß eine vierköpfige Besatzung. Die Bodenfreiheit des Fahrzeugs betrug 40 Zentimeter. Es wurde von einem verbesserten Tatra T-603 V8 93-PS-Benzinmotor angetrieben, was ihm ein Leistungsgewicht von 30 PS/t und eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 80 km/h verlieh. Die Panzerung war mit 12-mm-Stahlplatten an der Front und 6-mm-Platten an den Seiten mit der von älteren sowjetischen BA-64-Panzerwagen vergleichbar. Am interessantesten war jedoch die Bewaffnung, die aus zwei rückstoßfreien 82-mm-Kanonen des Typs vz.59 bestand, montiert auf einem um 360 Grad drehbaren, kleinen Turm. Beide Kanonen konnten entweder mit HEAT-Munition gegen bis zu 220 mm starke Panzerung bei 30 Grad oder Sprenggeschossen gegen weiche Ziele ausgerüstet werden.

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OT-8, Foto von T805.cz

Quasi als Nebenprodukt dieses Panzerwagens wurde auch ein größerer MTW für 8 Soldaten mit der Bezeichnung OT-8 entwickelt, dessen Fahrgestell und Frontwanne denen des OA-82 glichen. Die Idee dahinter besagte, dass Panzertruppen den OA-82 nutzen sollten, währen kleiner Einheiten, wie die ABC-Abwehr den OT-8 verwenden würden.

Der OA-82-Prototyp wurde zwar erfolgreich getestet (manche Quellen sprechen von vier gebauten Prototypen), scheiterte jedoch an ungünstigen Umständen. Trotz seiner guten Qualität lehnte Tatra den Bau des Fahrzeugs aufgrund hoher Auslastung ab, da die Fabrik mit der Herstellung einer 30-mm-Maschinenkanone mit dem Codenamen Samota beschäftigt war. Die Vorbereitungen für die Massenproduktion des OA-82 wurden am 4. Februar 1959 abgebrochen und beendeten die einheimische Entwicklung von Panzerwagen.

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OA-82 Jarmila II Nachbildung

Der Bedarf des Militärs wurde durch den umgehenden Erwerb von 124 leicht gepanzerten BRDM-1-Aufklärungsfahrzeugen um das Jahr 1960 gedeckt. Diese Fahrzeuge standen allerdings nur fünf kurze Jahre im Dienst, bevor sie 1965 durch OT-65-Einheiten aus ungarischer Produktion ersetzt wurden.

Was den Prototyp des Jarmila II angeht, so hat er das Ende des Projekts nicht überstanden und ist mit hoher Wahrscheinlichkeit verschrottet worden. Eine aus den frühen 2000er-Jahren stammende, von Panzerfans gebaute Replik, kann auf Militärschauen in Tschechien bewundert werden.

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