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In Entwicklung: OT-65A

Nach dem Misserfolg bei der Entwicklung des OA-82 Jarmila II war die tschechoslowakische Armee in den frühen 1960er-Jahren auf der Suche nach einem neuen, multifunktional einsetzbaren Schützenpanzer. Die einzige realistische Variante, abgesehen von dem sowjetischen BRDM, der jedoch aufgrund begrenzter Produktionskapazitäten keine Option darstellte, war der ungarische FÚG.

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D.442 FÚG in Polen

Der D.442 FÚG (Felderítö Úszó Gépkocsi – Schwimmfähiges Aufklärungsfahrzeug) war ein leicht gepanzertes ungarisches Mehrzweckfahrzeug, das als Reaktion auf die sowjetische Forderung an die Staaten des Warschauer Paktes entstand, eigene leicht gepanzerte Fahrzeuge als Ersatz für den veralteten BA-64 zu produzieren. Der zweite Anstoß für seine Entstehung lag in der Wiederbelebung der ungarischen Militärindustrie.

Wo die Tschechoslowakei mit dem Jarmila und dem Jarmila II scheiterte, hatten die Ungarn ein erfolgsversprechendes Modell am Start, weshalb man die Gespräche über seinen Einsatz bei der tschechoslowakischen Armee bereits in der Entwicklungsphase in den frühen 1960er-Jahren begannen.

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BRDM-1

Der FÚG basierte zwar auf dem sowjetischen BRDM-1, doch es wäre falsch, ihn als BRDM-1-Variante abzutun. Vielmehr wurde das Modell vollständig überarbeitet. Die größte Änderung betraf den Motor (ein Csepel D.414.44 5,5-Liter-Dieselmotor mit 100 PS und 2300 Umdrehungen pro Minute), der ins Heck versetzt wurde, während der Truppenraum seinen Platz vorne bekam. Auch die Form der Wanne wurde geändert. Das Originalmodell besaß keine Bewaffnung, bei Bedarf konnte die Besatzung allerdings die Dachluke des Truppenraums öffnen, um Handfeuerwaffen einzusetzen.

Das war natürlich alles andere als ideal, entsprach allerdings der dem Fahrzeug zugedachten Rolle als Aufklärer. Auch die Panzerung spiegelte die Bestimmung des Fahrzeugs wieder - die Wanne bestand lediglich aus zusammengeschweißten Stahlplatten. Die Front des Fahrzeugs war den tschechoslowakischen Militärstandards entsprechend 12 mm dick (manche Quellen sprechen von 13 oder gar 14 mm), während die Stärke an den Seiten 8 mm, bzw. an Dach und Heck 6 mm betrug und die Besatzung nur vor Kleinkaliberwaffen und Handgranaten schützte. Größere Kaliber gingen durch die Panzerung wie Butter.

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D.442 FÚG in Polen

Das Fahrzeug war ziemlich leicht (6,5 Tonnen) und selbst der 100-PS-Motor war in der Lage, es auf bis zu 87 km/h auf der Straße und 40 km/h im Gelände zu beschleunigen. Es besaß ein Csepel-450.44-Getriebe mit fünf Vorwärts- und einem Rückwärtsgang.

Die Mobilität wurde auf zweierlei Weise erhöht. Zuallererst war das Fahrzeug amphibisch und konnte dank zwei Propellern bis zu 4 km/h schnell schwimmen (manche Quellen sprechen von 8-10 km/h). Desweiteren wurden kleine Räder an der Unterseite der Aufhängung angebracht, was die Geländetauglichkeit des Fahrzeugs nochmals erhöhen sollte. Das war, gelinde gesagt, keine gute Lösung. Sowohl die Besatzungen als auch die Mechaniker verfluchten die anfällige Mechanik der Zusatzräder, die sich oftmals verkeilten oder im schlimmsten Fall einfach abfielen, was in einigen Fällen tatsächlich dokumentiert wurde.

Im Dezember 1963 wurden zwei Fahrzeuge der Testserie in die Tschechoslowakei gebracht und ausgiebig getestet. Die Tests verliefen wenig zufriedenstellend und resultierten in einer Liste von 68 Verbesserungsvorschlägen. In der Zwischenzeit begann 1964 die Produktion des bemängelten Modells und noch im selben Jahr wurden 114 FÚG-Einheiten der ersten Produktionsserie von der Tschechoslowakei erworben. Weitere Tests folgten zwischen Januar und Mai 1965 - zu diesem Zeitpunkt befand sich das Fahrzeug immer noch nicht offiziell im Dienst der tschechoslowakischen Armee. Das Militär war mit dem Modell nicht sonderlich zufrieden, auch wenn es die oben genannten Vorschläge schließlich in die ungarischen Produktionshallen schafften.

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OT-65 Maße

Das so modifizierte Fahrzeug trat seinen Dienst in der tschechoslowakischen Armee im September 1965 unter der Bezeichnung OT-65 an. Die Tschechoslowakei und Ungarn waren die einzigen Länder, die den FÚG in größeren Stückzahlen nutzten. In Polen und Bulgarien kamen insgesamt ca. 100 Einheiten zum Einsatz. Bis zum Produktionsende 1969 wurden (je nach Quelle) zwischen 1000 und 3000 Fahrzeuge gebaut.

Zwischen 1963 und 1967 importierte die Tschechoslowakei 842 OT-65, einschließlich der nicht modifizierten Fahrzeuge der ersten Produktionsserie. Diese Einheiten brachte man 1967 ins Militärreparaturwerk VOZ 026 in Šternberk, um sie einem Kampfwertsteigerungsprogramm zu unterziehen. Als wichtigste Änderung wurde dabei die Geometrie der Vorderräder verbessert, indem der Verschleiß der Aufhängung reduziert und ein Überdrucksystem für das Getriebe und die Bremstrommeln eingeführt wurde. Diese kampfwertgesteigerten OT-65 wurden OT-65R genannt.

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OT-65R

Auch in Ungarn startete 1967 die Produktion einer kampfwertgesteigerten Variante mit der Bezeichnung OT-65M. Neben den beim OT-65R vorgenommenen Änderungen verfügten diese Modelle über folgende Verbesserungen:

  • hydraulische Powerlenkung
  • neues, hydraulisches Bremssystem
  • Tankkapazität erhöht von 2 x 75 Liter auf 2 x 92 Liter
  • neue Tankanzeige am Armaturenbrett
  • größere Reifen (13x18 statt 12x18)

Es gab weitere Varianten (einschließlich eines Kommandofahrzeugs und einer mobilen Aufklärungsstation), wobei die interessanteste wohl der OT-65A Vydra (Otter) ist. Dieses Modell basierte auf dem OT-65R und dem OT-65M. Den größten Unterschied machte der OT-62-Turm mit Maschinengewehr und rückstoßfreier 82-mm-Kanone vom Typ T21 Tarasnice, der mit einer OT-65-Wanne kombiniert wurde.

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OT-65A Vydra

Die T21 ist eine rückstoßfreie tschechoslowakische Kanone, die in den späten 1940er-Jahren als Antipanzerwaffe für Infanterieeinheiten entwickelt wurde. Ihre Produktion mit 80,85-mm-Kaliber wurde 1949 unter der Bezeichnung Tarasnice vz.49 initiiert. Im Jahre 1950 änderte man die Bezeichnung in T21 und die Kalibergröße in 82 mm. Der Name leitete sich von mittelalterlichen Kleinkaliberkanonen ab, wie sie von hussitischen Truppen eingesetzt wurden.

Es war eine für ihre Zeit durchaus mächtige Waffe. Sie verfeuerte 3,6-kg-HEAT-Projektile vom Typ Nb-T21, die in der Lage waren, die Panzerung eines jeden zeitgenössischen Panzers zu durchschlagen (die Durchschlagsrate lag zwischen 200 und 250 mm) und war höchst präzise auf 300 Meter bei einer maximalen Reichweite von 600 Metern. Indirekt konnte das Geschütz auf bis zu 2500 Meter feuern. Die Mündungsgeschwindigkeit betrug 250 m/s.

Die Feuerrate war ziemlich hoch. Ein geübter Richtschütze konnte bis zu 6 Projektile in der Minute abfeuern. Zwischen 1950 und 1955 wurden insgesamt 5150 diese Waffen gebaut und weithin exportiert.

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OT-65A Vydra-Turm mit die T21 rückstoßfreie Kanone

Der Turm, in dem das Geschütz angebracht war, wurde ursprünglich für den OT-62B TOPAS entwickelt und erst danach an den OT-65 angepasst. Wie das Fahrzeug selbst, bot er dem Richtschützen nur Schutz vor Kleinkaliberwaffen. Die T21 wurde an die rechte Seite des Turms angebracht, von wo sie als leichte Kanone abgefeuert werden konnte. Zum Nachladen musste sich der Richtschütze aus der Oberluke hinauslehnen und es manuell richten, was während der Fahrt keine leichte Übung war. Aus diesem Grund war die Nachladezeit der aufgesetzten Variante ziemlich lang und die effektive Feuerrate betrug ca. ein Projektil pro Minute.

Im Stehen war die T21 ziemlich treffsicher, besonders wenn sie von einem geübten Schützen bedient wurde. Als großer Nachteil erwies sich in diesem Zusammenhang das Fehlen von Trainingsgeschossen, weil die Besatzungen des OT-65 dazu neigten, die Trainingsziele in die Luft zu jagen und bei Feuerübungen deshalb als letzte vorgelassen wurden.

Mit einer solchen Bewaffnung diente der OT-65A Vydra als schweres Aufklärungsfahrzeug. Dank seiner erhöhten Feuerkraft konnte er, wenn nötig, auch schwer gepanzerten Gegnern die Stirn bieten, auch wenn seine Überlebenschancen dabei nicht gerade hoch waren. Auch die Montage des Turms hatte ihren Preis, da sich das Gewicht des Fahrzeugs um ca. 400 kg auf 6,9 Tonnen erhöhte und die Höchstgeschwindigkeit um 80 km/h reduzierte.

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OT-65 in Privatbesitz

Der OT-65A genoss in der tschechoslowakischen Armee kein gutes Ansehen und galt gemeinhin als sehr unzuverlässig (das zusätzliche Gewicht machte die Situation nicht gerade besser). Die Zusatzräder blieben andauernd stecken oder verkeilten sich, der Motor machte riesige Probleme und die elektronischen Geräte gaben regelmäßig den Geist auf. Aus diesem Grund verliehen die Wartungsmannschaften dem Fahrzeug den Spitznamen „Ungarische Rache“.

Bis auf eine Episode verliefen die drei Jahrzehnte im Dienst der tschechoslowakischen Armee eher ereignislos. Kurz nach 1990 wurde das Modell ausgemustert. Es ist nicht bekannt, ob ein OT-65A jemals im Kampfeinsatz geschossen hat - einige Einheiten wurden an den Irak verkauft und es ist gut möglich, dass sie an einem der Golfkriege teilgenommen haben. Viele gelangten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in privaten Besitz und stellen bis heute ein beliebtes und erschwingliches Sammelobjekt dar.

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