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Nachrüstungen und Wirklichkeit

Die Nachrüstung von Panzerfahrzeugen ist eine relativ gängige Praxis der Kampfwertsteigerung. Das bei Armored Warfare verwendete Wort Retrofit bedeutet „das Hinzufügen neuer Technologien oder Eigenschaften zu älteren Systemen“, obgleich speziell bei Panzerfahrzeugen darunter meist zu verstehen ist, dass einzelne vorhandene Komponenten durch modernere Versionen ersetzt werden. Auch wenn dieser Ansatz auf den ersten Blick logisch erscheint, sind Nachrüstungen bisweilen mit großen Nachteilen verbunden, von denen wir einige in diesem Beitrag besprechen wollen.

Probleme mit Nachrüstungen

Das erste, was im Zusammenhang mit Nachrüstungen älterer Fahrzeuge gesagt werden muss, ist das es immer besser ist, modernere Fahrzeuge zu kaufen, als ältere nachzurüsten. Es gibt Ausnahmen für diese Regel, wenn etwa die Plattform des Fahrzeugs noch relativ modern ist und die Nachrüstung von dem ursprünglichen Hersteller des Fahrzeugs vorgenommen wird.

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Während es theoretisch durchaus sinnvoll erscheinen mag, beispielsweise einen älteren Panzer mit einer größeren Kanone auszustatten, ist dieser Vorgang mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten verbunden, die praktisch nicht zu bewältigen sind. Hier sind einige Beispiele für die Probleme, die beim Nachrüsten auftreten können.

Kompatibilität von Teilen

Ein Panzer ist mehr als die Summe einzelner Teile. Ein vitaler Aspekt des industriellen Knowhows ist die Art, die richtigen Teile zusammenzustellen. Oft werden die Komponenten bereits in den Anfangsstadien entwickelt und ausgiebig getestet, um perfekt zusammenzuarbeiten. Upgrades existierender Fahrzeuge, die von den Herstellern der Originalteile vorgenommen werden (z.B. KMW für den Leopard 2), fallen dank ihres Knowhows meist in diese Kategorie, wogegen Teile von Drittherstellern die Leistung des Panzers in großem Maße beeinträchtigen können. Zu viel an einem Fahrzeug angebrachte zusätzliche Panzerung kann die Aufhängung belasten, die Ausdauer reduzieren, zusätzliche Wartung verursachen usw.

Integrität der Panzerung

Dieses Thema ist besonders für Fahrzeuge der T-54/55-Serie relevant, lässt sich aber auch auf andere Panzer übertragen. Die Panzerung eines jeden Panzers wird als integeres Ganzes entworfen. Das bedeutet, dass der nominale Schutzwert der Panzerung nur dann stimmt, wenn kein Bereich der Schutzhülle beschädigt wird. Sobald die Struktur der Panzerung auch nur den kleinsten Schaden nimmt, kann der entsprechende Bereich nicht mehr den ausgewiesenen Schutz gewähren. Mit anderen Worten ist es keine gute Idee, Löcher in die Grundpanzerung zu bohren, um ein neues Nachrüstmodul anzubringen, weil dies unweigerlich eine bedeutende Reduzierung der Schutzwerte zur Folge haben wird.

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DDR T-55AM2B

Ein interessanter Nebeneffekt von Integritätsverlust ließ sich bei Durchschlagstests im Zweiten Weltkrieg beobachten. Diese wurden gegen gekaperte oder außer Gefecht gesetzte Fahrzeuge durchgeführt, üblicherweise mehrmals hintereinander. Die Frontalpanzerung eines gekaperten Panthers zu beschießen, um festzustellen, ob sie von einer bestimmten Waffe durchschlagen werden kann, mag auf den ersten Blick wie eine gute Idee erscheinen, doch sobald ein Teil der Panzerung penetriert oder beschädigt ist, kann das die nachfolgenden Testergebnisse in beträchtlicher Weise verzerren.

Fahrzeugalter

Es ist unmöglich, die Zeit zu überlisten und dasselbe gilt für den Verfall von Material. Selbst wenn man ein modernes Panzerungsset an einen T-55 oder eine ältere T-72-Variante anbringt, dient etwas als Basis, was bis zu 50 Jahre alt sein kann. Als Beispiel können einige T-55-Panzer dienen, die bis heute in Syrien kämpfen. Zwischen 1971 und 1981 kaufte das Land 951 T-55A- und 380 T-55AK-Panzer (Kommandovariante) von der Tschechoslowakei. Und während die meisten dieser Fahrzeuge längst verschrottet oder aus dem Verkehr gezogen wurden, sind manche der heute eingesetzten Einheiten 40 bis 45 Jahre alt und stehen seit ihrem Kauf im Einsatz.

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T-55A in Syrien

Während viele ihrer internen Komponenten seitdem ausgetauscht wurden, gibt es etwas, was nicht ausgewechselt werden kann - das Fahrgestell des Panzers selbst. Je mehr Zeit vergeht, desto brüchiger wird das Fahrgestell, was die Nachrüstung mit modernen Teilen zu einem Lotteriespiel macht.

Kosten gegen Kampfwert

Auch wenn es von Fall zu Fall unterschiedlich ist, stehen die durch Nachrüstungen erreichten Kampfwertsteigerungen oft nicht im Verhältnis zu den dabei entstandenen Kosten. Diese entstehen nicht nur durch die Nachrüstungen selbst, sondern auch durch die mit ihnen verbundenen Modifikationen. Typische Beispiele dafür sind drastische Änderungen bei den Geschützen (der T-55 mit einer 105-mm-L7, statt der original 100 mm, oder das neue Patton-Upgrade von Raytheon, bei dem die ursprüngliche 105-mm-M68 durch eine 120-mm-M256 ersetzt wurde).

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Patton SLEP von Raytheon

In diesem Fall muss der Besitzer nicht nur für die Nachrüstung aufkommen, sondern auch ganze Vorräte neuer Munition erwerben. Weitere Kosten können durch Training des Personals zur Bedienung und Wartung des neuen Moduls entstehen, sowie durch die Instandhaltung selbst und die damit zusammenhängende Logistik. Diese Extrakosten können bisweilen jeden Vorteil des Nachrüstens zunichte machen.

Nachrüstungen als praktikable Lösung

Es gibt Fälle, in denen die Nachrüstung älterer Fahrzeuge eine durchaus praktikable Lösung darstellt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass diese Fälle äußerst individuell sind und von bestimmten Umständen abhängen, als da wären:

Modernisierungen durch den ursprünglichen Hersteller

Nachrüstungen und Upgrades, die von spezialisierten und an der Entwicklung der Originalfahrzeuge beteiligten Firmen durchgeführt werden (wie Rheinmetall, KMW und IBD Deisenroth im Falle des Leopard 2), sind höchst zuverlässig und stellen eine kostengünstige Alternative zu kompletten Neuentwicklungen dar.

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Leopard 2A7+ von KMW

Kein Zugang zu neuen Fahrzeugen

In seltenen Fällen haben Streitverbände einzelner Länder keinen Zugang zu neuen Fahrzeugen. Ein gutes Beispiel dafür ist Nordkorea, dessen Panzerverbände aus nachgerüsteten Fahrzeugen von dubioser Qualität bestehen. Nordkorea steht unter einem internationalen Waffenembargo und besitzt keine moderne Panzerindustrie, was es dem Land praktisch unmöglich macht, einen modernen Kampfpanzer zu entwickeln, der den fortschrittlichen südkoreanischen Technologien die Stirn bieten könnte. Ein anderes Beispiel ist Israel, das mehrmals in seiner Geschichte vom internationalen Rüstungsmarkt abgeschnitten war und keine Möglichkeit hatte, moderne westliche Fahrzeuge von der Art eines Chieftain zu erwerben. Der Einfallsreichtum der israelischen Ingenieure führte mit Unterstützung der amerikanischen Armee zu einer Reihe fortschrittlich nachgerüsteter Fahrzeuge, was schließlich zum heimischen Merkava-KPz-Programm führte.

Personal

Je moderner ein Fahrzeug ist, desto schwieriger ist es zu bedienen. Die fortschrittlichen Kontrollsysteme der westlichen Streitkräfte erfordern umfangreiches Training, was bei Armeen, die überwiegend aus Wehrpflichtigen bestehen, nicht immer möglich ist. Während ein geschickter Mechaniker einen T-55 auch ohne spezielles Training zum Laufen bringen kann, kann man das im Falle der modernsten Varianten eines Abrams oder Leopard 2 nicht behaupten. Die Nachrüstung älterer Fahrzeuge mit moderner Technologie ermöglicht es den Wartungsteams und den Besatzungen, ihr Wissen auszuweiten, ohne gänzlich von vorn beginnen zu müssen.

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Chonma Ho KpZ aus Nord Korea

Instandhaltung

Die Unterhaltungskosten moderner Panzer sind bisweilen extrem hoch. Nur wenige Länder können sich daher größere Einheiten leisten. Teile für den T-72 hingegen sind relativ leicht zu beschaffen und erschwinglich.

Moderne Panzer werden nicht benötigt

Wenn die Bedrohung seitens eines feindlich eingestellten Nachbarn nur aus einer Handvoll alter Pattons besteht, gibt es gar keinen Grund, die eigenen Streitkräfte mit modernen Panzern auszustatten. Das gilt besonders für drei Regionen: Afrika, Südostasien und Südamerika. Man findet in diesen Teilen der Welt zum Teil sehr alte Panzer, da sich die lokalen Streitkräfte keiner Bedrohung durch moderne Technologien konfrontiert sehen.

Schlussfolgerung

Aktuell lassen sich in Syrien und der Ukraine viele nachgerüstete und modifizierte Panzer beobachten. Parallel dazu mehren sich verlockende Angebote chinesischer und russischer Produzenten, deren Exporterfolge und das steigende Interesse der Kundschaft an relativ erschwinglichen Modellen von der Art der russischen T-90S und T-90MS die Ära der Nachrüstungen des Kaltes-Krieg-Panzers langsam zu verdrängen scheint.

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