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Schwere Geburt des BMP-2: Teil 2

Das Nachfolgemodell des BMP-1 wurde im KMS unter der Leitung von B.N. Jakowlew konstruiert. Sein Vorschlag, der unter der Bezeichnung Objekt 675 lief, sollte mit einem Zwei-Mann-Turm und einer automatischen 30 mm-Kanone sowie einem 7,62 mm-Maschinengewehr ausgerüstet werden. Um gepanzerte feindliche Ziele auszuschalten, war das Fahrzeug außerdem mit dem Panzerabwehr-Raketenwerfer 9K111 "Fagot" (NATO-Codename: AT-4 Spigot) oder dem 9M113 "Konkurs"-System (NATO-Codename: AT-5 Spandrel) bewaffnet. Das Lenksystem der Raketen sollte sich, anders als beim verbesserten BMP-1P (Objekt 765), im Rumpf befinden, damit der Bediener beim Steuern der Rakete nicht ungeschützt bliebe.

675

Die Konstruktionsarbeiten begannen 1972, und die Abgabefrist war praktisch nicht realisierbar: drei Monate. Der Grund dafür war wieder die GRAU, die behauptete, dass das mehr als genug Zeit wäre, da das gesamte Projekt technisch gesehen nur eine "Modernisierung" und kein vollkommen neues gepanzertes Fahrzeug wäre (das es wegen all der benötigten Änderungen faktisch doch war). Der Prototyp wurde innerhalb eines Jahres gebaut - und während das Vorbereitungsprojekt tatsächlich rechtzeitig fertig wurde, war es etwas vollkommen anderes, das Fahrzeug zu bauen.

Da die GRAU immer noch auf der von ihr bevorzugten Waffe (der 73 mm-Sarniza) beharrte und nichts mit der Entwicklung einer neuen 30 mm-Kanone zu tun haben wollte, um die eigenen Fehler nicht zugeben zu müssen, war B.N. Jakowlew gezwungen, wo anders nach Hilfe zu suchen, und so wandte er sich an das Konstruktionsbüro CKB-14 der Luftwaffe, das von A.G. Schipunow und V.P. Grjasew geleitet wurde, und bat sie, die automatische Kanone für ihn zu entwickeln. Um die Fristen des Projekts einhalten zu können, müsste das Geschütz innerhalb von sechs Monaten fertig sein - die Reaktion auf diesen Ablieferungstermin war sehr negativ: V.P. Grjasew sagte, dass die Konstruktion eines Geschützes innerhalb so kurzer Zeit unerhört war, und dass man bei ordentlicher Testung fünf Jahre benötigte. Am Ende schaffte es Jakowlew aber, ihn zu überzeugen, denn zwischen Grjasew und der GRAU herrschte eine anhaltende Rivalität, seit die GRAU-Ingenieure einmal vorgeschlagen hatten, alle Geschütze aus Flugzeugen zu entfernen und stattdessen Raketen zu verwenden, was Grjasew als Geschützkonstrukteur aus verständlichen Gründen nicht gefallen hatte. Es versteht sich von selbst, dass das KMS sich keine neuen Freunde bei der GRAU machte, als es sich an Grjasews wandte, anstelle einfach das Sarniza-Geschütz zu benutzen.

Als Grundlage für das neue BMP-Geschütz nahm Grjasew die Drehbordkanone GSh-6-30 der Luftwaffe, die leistungsfähige 30x164 mm-Patronen verwendete und die 400 g-Geschosse auf 800 m/s beschleunigte. Er entfernte im Grunde eines der sechs Geschütze sowie das Kammerverschluss-System und verwendet es als eine einläufige Waffe. Diese Lösung war realisierbar, aber die GRAU mischte sich wieder in die Entwicklung ein: Das Geschütz wurde elektrisch abgefeuert, aber der Leiter der technischen Abteilung der GRAU, A.A. Grigorjew bestand auf einem mechanischen Schussmechanismus. Das Argument lautete, dass "man das Geschütz sogar dann abfeuern können musste, wenn es nur noch einen lebendigen Mann im Fahrzeug gäbe, der außer seinen leeren Händen nichts hätte".

gsh

Infolge dieser Forderung musste der Verschluss von Neuem konstruiert werden. Wo die GRAU schon mal dabei war, verlangte sie eine weitere Modifikation des Geschützes: Es musste eine variable Feuerrate haben (damit die Soldaten mit nur halber Drehzahl schießen konnten, also mit 300 statt 600), "um die Munition zu schonen". Diese Forderung ließ vollkommen die Tatsache außer Acht, dass die Feuerrate ohnehin durch Feuerstöße mit 8 Patronen beschränkt war, und der wahre Grund dafür war nicht so sehr das Schonen von Munition, sondern vielmehr ein Versuch, die Entwicklung zu hintertreiben oder zumindest zu verzögern. Selbst ohne die Einmischung der GRAU war die Entwicklung problematisch, denn der mechanische Schussmechanismus war recht unzuverlässig und das Geschütz überhitzte sich schnell. Die GRAU-Beamten machten oft den Witz: "Welche Feuerrate hat dieses Geschütz? 600 Patronen pro Minute, aber nur ein Mal im Monat."

Ein weiteres Problem des Geschützes war seine mangelnde Präzision. Das auf dem BMP-Turm angebrachte Geschütz war schlicht und einfach nicht in der Lage, irgendetwas zu treffen. Es hat drei Konstruktionsbüros und mehrere GBTU-Experten gebraucht, um schließlich festzustellen, dass das Geschütz vollkommen in Ordnung war; das eigentliche Problem war die Stabilisierung des kompletten Geschützturms: Der Stabilisierungsmechanismus war falsch kalibriert, und die Schwingung des Geschützes wurde durch den Stabilisator nicht nur nicht ausgeglichen, sondern vergrößert, was unter Verwendung des Stabilisators zu einem katastrophalen Genauigkeitsverlust führte. Dieses Problem wurde schließlich durch bestimmte Modifikationen des Stabilisators (nichtlineare Stabilisierung) gelöst.

Das letzte - und ärgerlichste - Problem mit dem Geschütz tauchte an einer unerwarteten Stelle auf: der Munition. Einfach gesprochen, hinterließ sie zu viele Schießpulver-Rückstände, und die Gase breiteten sich schnell im Panzerinnenraum aus. Als das Fahrzeug vor einem Komitee der GRAU getestet wurde, schalteten die KMS-Tester die Ventilatoren im Innenraum aus, um Hochspannungsschwankungen des Fahrzeugs zu verhindern, die mit der Steuerung des Geschützturms hätten interferieren können. Infolgedessen mussten anwesende Soldaten die durch die Gase halb zu Tode erstickten Tester aus dem Fahrzeug ziehen und in ein örtliches Krankenhaus einliefern, was bei den anwesenden GRAU-Beamten für zynische Erheiterung sorgte. Die Geschützkonstrukteure schlugen vor, einen sekundären Mechanismus zu verwenden, der nach jedem Schuss die vom Schießpulver hinterlassenen Gase verbrennen würde. Das einzige Ergebnis dieser Initiative war, dass nach dem Einbau dieses Mechanismus bei jedem Schuss aus dem Verschluss Rückzündungs-Explosionen kamen, die die Hälfte des Panzerinnenraums in Flammen aufgehen ließen - die Besatzung fand das ganz und gar nicht lustig.

Neue Lösungen

Am Ende war die Situation so schlimm, dass die Konstrukteure sogar erwogen, das Geschütz außen anzubringen, was in einem Modell mit der Bezeichnung Objekt 680 resultierte, das einen sehr flachen Geschützturm und ein auf dem hinteren Teil des Turmdachs angebrachtes Geschütz hatte. Die Munitionszuführung befand sich im Inneren des Geschützturms. Diese Lösung musste ebenfalls verworfen werden, denn der Turm war wegen des undichten Munitionszuführungsschafts nicht gegen Massenvernichtungswaffen geschützt und es war auch nicht möglich, einen leistungsstarken Ventilator laufen zu lassen, der eine Entzündung der nach dem Abfeuern des Geschützes entstehenden Gase und das Ersticken der Besatzung verhindern würde; der Betrieb eines solchen Ventilators würde sich negativ auf den Überdruck im Panzerinnenraum auswirken und das Fahrzeug wäre dadurch nicht mehr gegen Gase geschützt. Am Ende dachte man sich eine eher komplizierte Lösung aus, bei der der Ventilator nur dann lief, wenn mit dem Geschütz gefeuert wurde, aber das verursachte weitere Verzögerungen, und die Entwicklung dauerte bis in 1975 hinein.

680

Das Geschütz war keinesfalls der einzige Schwachpunkt. Mit den Modifikationen und dem neuen Geschützturm war das Fahrzeug 1370 kg schwerer und verlor dadurch seine amphibische Fähigkeit (die Amerikaner hatten mit ihrem Bradley, der - theoretisch - schwimmen konnte, die gleichen Probleme). Die Konstrukteure versuchten, einen Teil des Gewichts einzusparen, indem sie hochwertigeren Stahl (der bei gleichem ballistischen Schutz dünner sein durfte), bessere Ketten und eine modifizierte Federung verwendeten, aber die Einsparung von rund 400 kg reichte nicht aus. Am Ende löste man das Problem, indem man an den verlängerten Schmutzblechen des Fahrzeugs Schaumstoffschwimmer anbrachte.

Versuche

Im Oktober 1975 waren die Objekte 768 und 675 schließlich soweit, in Anwesenheit des Verteidigungsministers, des Marschalls A. Gretschko in Kubinka getestet zu werden.

Der Vorschlag des TschTS mit dem verlängerten Panzerrumpf wurde von den Beamten als keine gute Lösung angesehen, da die Produktion des BMP-1 teuer und schwierig war, und A. Gretschko außerdem nicht vorhatte, zusätzliche Geldmittel für eine komplette Überholung der Produktionslinie zu beantragen, wo das Projekt schon so lange gedauert hatte. Darüber hinaus gab es Probleme mit dem Ein-Mann-Geschützturm und mit der Federung.

Ein weiteres Problem war die Bewaffnung: Die GRAU unterstützte traditionell den TschTS-Prototyp mit dem 73 mm-Geschütz "Sarniza", doch am Ende sprachen sich der Industrieminister Bachirev und der Vize-Chef des GABTU, der Generalleutnant Rjabow für das 30 mm-Geschütz 2A42 aus. Das Ergebnis dieser Diskussion war faktisch ein Patt. Durch diesen Ausgang verärgert, beauftragte Gretschko das KMS, einen eigenen Prototyp mit dem 73 mm-Geschütz zu bauen - dieses Modell trug die Bezeichnung Objekt 681 und die Arbeit daran sowie die Versuche dauerten weitere drei Jahre. Andererseits sah das TschTS, das langsam den Kampf verlor, ein, dass man, wenn man gewinnen wollte, ebenfalls ein Fahrzeug mit einer automatischen Kanone konstruieren musste. Am Ende hat das TschTS ein Fahrzeug mit der gleichen Waffenausrüstung gebaut, wie sie der KMS-Prototyp hatte (30 mm), und kombinierte sie mit einem eigenen verlängerten Panzerrumpf. Dieses Projekt scheiterte aus den gleichen Gründen wie der ursprüngliche TschTS-Prototyp: wegen geringer Verlässlichkeit der Federung und dem hohen Preis.

768

In der Zwischenzeit wurden verstärkt Diskussionen über die Zukunft des BMP geführt. Es kam die Idee auf, sowohl das 30 mm- als auch das 73 mm-Modell zu fertigen, aber man verwarf sie dann wegen logistischer Probleme. Die Fronten waren verhärtet: Die GRAU bestand auf 73 mm, das GBTU auf 30 mm, und keine der beiden Seiten wollte nachgeben.

Nach Jahren sinnlosen Streitens war Gretschkos Geduld zu Ende, und er ordnete eine komplette Reihe von Vergleichstests an, um endlich eine Antwort auf die Frage nach der Zukunft der BMP-Waffenausrüstung zu finden. Diese Tests fanden Ende 1978 auf dem Testgelände Alabino bei Moskau statt, und jeder wichtige Verantwortliche des Programms war zugegen. Die Fahrzeugbesatzungen kamen von der 2. motorisierten Schützendivision "Tamanskaja". Es nahmen KMS-Prototypen sowohl mit der 30 mm- als auch mit der 73 mm-Waffenausrüstung teil.

Die Versuche machten ein für alle Mal deutlich, dass das 30 mm-Geschütz im Hinblick auf die Präzision besser geeignet war als das 73 mm-Geschütz, und die GRAU war praktisch besiegt, doch sie hatte noch einen letzten Trumpf: die Penetrationstests. Die GRAU schaffte es, den Befehlshaber der Streitkräfte, den General Pawlowskij zu überzeugen, Schießversuche mit realen Zielen durchzuführen, in der Hoffnung, dass das 73 mm-Sarniza-Geschütz die feindliche Panzerung durchstoßen und sich behaupten würde. Da alle anderen Positionen und Argumente nichts mehr taugten, ging es für die GRAU um alles oder nichts.

Die Versuche wurden mit zwei abgenutzten T-72-Panzern durchgeführt und bewiesen ein für alle Mal die Überlegenheit des 30 mm-Geschützes. Während keines der Geschütze in der Lage war, die feindlichen Panzer komplett auszuschalten (etwas, was die Sarniza-Unterstützer für möglich gehalten hatten), verursachte das 30 mm-Geschütz erheblichen externen Schaden, indem es die Optik und die äußeren Treibstofftanks zerstörte, und ein kleines 30 mm-Geschoss blockierte sogar einen der Geschütztürme. Angesichts dieser Ergebnisse war die GRAU gezwungen, sich geschlagen zu geben. Das Objekt 675 mit dem 30 mm-Geschütz wurde später endlich als der BMP-2 zum Dienst zugelassen. Als die letzte Trotzhandlung beschlossen die GRAU-Vertreter aber, dass die Produktion des BMP-2 10% der gesamten BMP-1-Produktion nicht überschreiten dürfte.

Schlussfolgerung

Mit diesen Ergebnissen kamen beiden Seiten - die NATO und die Staaten des Warschauer Pakts - in den frühen 1980er Jahren schließlich zu ihren Schützenpanzern und gelangten auf ziemlich unterschiedlichen (und holprigen) Wegen zum gleichen Ziel. Das Schicksal der beiden Fahrzeuge - des Bradley und des BMP-2 - könnte unterschiedlicher nicht sein: Der eine blieb größtenteils bei der US-Armee, während der andere in breitem Umfang exportiert wurde und wie sein Vorgänger so oder so praktisch überall auf der Welt im Einsatz war. Zurzeit bieten viele Privatunternehmen alle möglichen Upgradelösungen für den BMP-2 an, und der sowjetische BMP wird noch auf Jahre hinaus weiterhin in bewaffneten Konflikten auf der ganzen Welt zu sehen sein, während der Bradley höchstwahrscheinlich niemals massenweise exportiert wird - und zwar nicht nur aus strategischen Überlegungen, sondern auch wegen der hohen Kosten und des teuren Unterhalts dieses Schützenpanzers. In diesem Sinne hat die Sowjetunion das Rennen letztlich "gewonnen", indem sie allen Problemen zum Trotz ein robustes und kostengünstiges Fahrzeug konstruiert hat.

Die eigentlichen Kampfrekorde des BMP-2 sind ein Thema für sich, und wir heben uns diese Geschichte lieber für später auf...

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